TÜRKEI – Teil 4 (Pamukkale – Egirdir – Konya)

14.10. Frühmorgens schlage ich mir noch einmal kurz im Otel Anatolia den Magen voll – wie so oft mit Käse, Tomaten, Gurken, Oliven, Brot, etc. bevor ich mich wieder auf meinen Weg mache. Das Wetter verschlechtert sich im Laufe des Tages und gegen 18h erreiche ich die Ortschaft Kocabas wo ich um 400 TL im feinen Köklü Otel eine gute Unterkunft finde.

15.10. Beim Weggehen ist es heute noch trocken, das sollte sich aber im Laufe des Tages ändern. So komme ich wieder einmal in den Genuss von Regen, den ich schon fast vermisst habe.

Es zieht schlechtes Wetter auf – kurz vor Cardak

Ziemlich durchnässt erreiche ich dann Cardak, wo mir einige Jungs einen Tee anbieten.

Eine willkommene Einladung zum Tee – in Cardak

Dann lotst mich ein Junge in das Cardak Hotel (250 TL inkl Frühstück) und ich genieße eine warme Dusche. Beim anschließenden Lahmacunessen lerne ich den Besitzer des Hotels kennen. Wir trinken noch einen gemeinsamen cay und beobachten die Jugend beim OK Spiel.

16.10. Da mir das Frühstück zulange dauert bis es kommt, trinke ich in einer kleinen Bäckerei cay und esse ein Simit, mein bevorzugtes Frühstück. Auch geht es sich besser mit einem nicht zu vollem Magen. Am Weg nach Gemis treffe ich dann einen Schafhirten mit seiner Herde. Wir wechseln ein paar Worte und ziehen beide in unserer Richtung weiter.

Schafhirte mit seiner Herde am Weg nach Gemis
Am Weg nach Gemis

Es regnet zumindest nicht heute und so erreiche ich trocken die Ortschaft Gémis, wo gerade ein Markt stattfindet. Ich lerne hier Riza mit seinen Freunden kennen.

Mit dem lustigen Riza in Gemis – er ist Kartoffelhändler und spricht fließendes Französisch

Dann gehe ich weiter in die Ortschaft Akpinar. Ziemlich verlassen wirkt dieses Dorf auf mich. Als ich einen Einheimischen um Wasser frage, ladet er mich auch gleich zum Mittagessen ein. Ich nehme dankend an. Es kommt ein Tuch auf den Boden worauf das Essen verteilt wird. Dann setzen sich alle im Kreis herum und essen. Die Küche ist hier ausschließlich Frauensache.

Mittagessen in Akpinar – es gab Huhn, Tomaten, Zwiebeln, Brot und scharfen Paprika!

Ich verabschiede mich von dieser netten Familie und bei starkem Regen erreiche ich gegen Abend total durchnässt Basmakci. Im SOK Supermarkt bringt mich der junge Angestellte in das Belediyesi Otel (Gemeindehaus), da alle anderen Unterkünfte entweder geschlossen waren oder nur Frauen nahmen. Und es gibt hier vor allem eine warme Dusche. Am Abend esse ich noch eine warme Suppe und trinke viel Tee. Verkühlungsgefahr gebannt!

17.10. Heute geht es in die Berge und weder im Dorf Sariköy noch in Gülköy gibt es ein Lebensmittelgeschäft, das offen hat. In Gülköy wird gerade die Moschee renoviert und ich werde schön langsam hungrig. Ein Arbeiter schenkt mir einen halben Laib Brot mit Tomaten, Paprika und Zwiebeln – eine willkommene Mahlzeit!

Mahlzeit im Bergdorf Gülköy

Das Brot ist rund und ca. 5 cm dick, selbst gebacken und die Tomaten sehr klein, schmeckt alles sehr gut. In dieser Höhe wird auch das Obst und Gemüse nicht mehr so groß. In Kozluca treffe ich dann Cem in seinem Supermarkt und er füllt mir ein ganzes Sackerl mit Süßigkeiten an. Ich bräuchte Energie, meint er…

Mit Cem in seinem Supermarkt in Kozluca
Einheimische Frau im Supermarkt von Cem in Kozluca

Dann ruft er auch noch in Keçiborlu im Üstündağ Hotel an und ich bekomme daraufhin einen Rabatt. Statt 300 zahle ich nur 200 TL. (Zur Erinnerung: 1€ = 18 Türkische Lira (TL)). Am Abend esse ich die Reste vom Brot und den Tomaten von Gülköy und ziemlich müde schlafe ich früh in diesem riesigen Hotel mit wenigen Gästen ein.

18.10. Das Frühstück lasse ich mir auch hier wieder gut schmecken. Das Wetter ist jetzt wieder besser und nach ca. 8km erreiche ich die kleine Ortschaft Gümüsgün wo mir beim Vorbeigehen an einem Haus der Duft von frischgebackenem Brot in die Nase fällt. Ich bleibe stehen und frage ob ich etwas davon kaufen kann. Ihr könnt euch bereits denken wie das endete… Zum Brot kam noch Marmelade und 3 Äpfel, anschließend gingen wir dann noch cay trinken.

Die zwei Bäcker in ihrer Backstube in Gümüsgün

Gegen Abend erreiche ich nach ca. 35 km Isparta, eine größere Stadt der gleichnamigen Region in dieser Gegend. Ich quartiere mich für 250 TL im King Otel ein. Nach den vielen Nächten im Zelt genieße ich auch wieder die Vorzüge einer fixen Unterkunft. Warme Dusche und warmes Essen hat schon was, vor allem auch jetzt bei den bereits kühleren Temperaturen in der Nacht.

19.10. Da es das Frühstück meist erst ab 07:30 in den Hotels gibt, esse ich vor 7h eine EzoGelin Suppe in einem nahegelegenem Lokantasi und mache mich kurz nach 7h auf den Weg nach Egirdir und den gleichnamigen See. In der Ortschaft Büyükhacilar trinke ich gemeinsam mit Suat, dem Besitzer des Lebensmittelmarktes, und seinem Vater Süleiman Tee.

Mit Suat und seinem Vater Süleiman – beide sehr liebenswert und vor allem Süleiman totaler Erdoğan Fan

Süleiman, der eine Kuh besitzt, bringt mir zu meinem Brot auch ein Stück selbstgemachten Kuhkäse, schmeckt hervorragend. Gestärkt gehe ich dann die nächsten 5 km bergauf auf ca. 1.400 Meter Seehöhe und verbringe den Tag in einsamer Landschaft mit Ziegen- und Schafherden.

Anatolisches Hochland am Weg nach Egirdir
Auf einer Seehöhe von ca. 1.400 Meter kann es auch hier im Winter rutschig werden

Ich passiere auch ein naheliegendes Schigebiet und erreiche gegen Abend die Ortschaft Egirdir, das wunderschön am Egirdir See liegt. Im Otel Apostel finde ich um 240 TL eine geeignete Unterkunft und werde hier zwei Nächte bleiben.

20.10. Im 5. Stock gibt es hier das Frühstück mit traumhaft schönem Blick auf den See. Während ich mich meist mit dem Rücken zum TV setze bestaune ich die anderen Gäste beim Fernsehen. Sie haben dabei fast keine Zeit zum Frühstücken selber… 🙂 Dann sichere ich wieder einmal meine Fotos auf meine zwei USB Sticks, man weiß ja nie. Gegen 10h verlasse ich dann das Hotel und genieße einen richtigen Ruhetag zum ersten Mal seit langem. Ich durchstreife einen Markt hier im Ort und gehe dann entlang einer kleinen Halbinsel Richtung See hinaus.

Ein älteres Ehepaar beim Weintraubenverkauf – am Markt von Egirdir

Dort genieße ich die Ruhe und esse meine ersten Gözleme, anatolisches Fladenbrot gefüllt mit Käse oder Kartoffeln.

Meine ersten Gözleme in der Türkei. Fladenbrot meist gefüllt mit Käse oder Kartoffeln und eine Spezialität Anatoliens
Egirdir See inmitten von Anatolien

Im Hotel angekommen bringe ich mein langes Merinoleibchen zu einem Schneider. Es hat von den verschiedenen Waschmaschinen und Trocknern drei große Löcher abbekommen. Er erklärt sich bereit für 30 TL das ganze wieder zu flicken.

Männer beim OK spielen – in Egirdir

Jetzt mache ich gerade eine Siesta im Hotelbett bevor ich hier noch einen geruhsamen Abend verbringen werde. Morgen geht es weiter Richtung Konya, der Stadt der Mevlana und Derwische. Ca. 300 km sind es noch bis dorthin.

Am Abend gönne ich mir noch einen Adana Kebap in einer Kebapci bevor ich wieder einmal früh schlafen gehe.

21.10. Noch einmal betrachte ich die Leute beim Frühstück, besser gesagt beim Frühstücksfernsehen, und gehe dann so gegen 8h los.

Sonnenaufgang über dem Egirdir Gölü (Egirdir See)

Der heutige Tag bringt mich entlang der Südseite des Egirdir Sees zuerst in die Ortschaft Göktas wo der Lebensmittelladenbesitzer Mustafa sehr gut Deutsch spricht. Er sei in Duisburg aufgewachsen und erst vor ein paar Jahren wieder in die Türkei zurück gekehrt. Er bereitet Tee zu und gibt mir etwas von seinen Simits (Sesamringen) ab. Zu der von mir beschriebenen Gastfreundschaft der Türken meint er, dass er es weniger als Gastfreundschaft bezeichnen würde. Es hat laut ihm mehr mit Tradition und Religion hier in der Türkei zu tun. Im Koran steht ein Stelle in der es heißt, dass ein ’sehendes Auge ein Recht hat‘. Das heißt soviel wie, dass das Essen mit anderen Anwesenden geteilt werden soll. Seine Cousine Nergiz kommt auch vorbei. Sie spricht gut Englisch und ist in den Wintermonaten immer in Edmonton in London, wo ich sie doch einmal besuchen solle. Schließlich gibt mir Mustafa noch ein Sackerl Süßigkeiten mit auf den Weg. Es mache ihn glücklich mir zu helfen, sagt er und ‚eine gebende Hand sei besser als eine nehmende Hand‘ zitiert er auch hier wieder den Koran. Da hat er natürlich auch recht und dankend nehme ich an.

Tee (cay) gibt es in Anatolien am Straßenrand – ohne dem Tee würde das Land wohl stillstehen, scheint es…

Gegen 19h am Abend erreiche ich dann schon bei Dunkelheit das Haser Apart Otel, wo ich mich um 350 TL inkl. Frühstück einquartiere. Es ist ein moderner Neubau und ich bin der einzige Gast hier. Es stehe zum Verkauf, meinen die beiden Brüder, die mir auch noch einen Toast am Abend zubereiten.

Haser Apart Otel – es steht zum Verkauf

22.10. Als ich um 7h morgens wie vereinbart zum Frühstück komme, ist noch alles finster und die Küche kalt. Es dauert allerdings nicht lange und einer der beiden Brüder bereitet mir eine Eierspeise und das Frühstück zu. Es ist hier frühmorgens grimmig kalt und das schlägt sich auch auf das Gehtempo nieder… Die Finger wärmen sich trotzdem nur langsam auf. Im Eilschritt erreiche ich nach ca. 2 Stunden Gelendost, wo ich mich in einer der vielen Teestuben aufwärme. Es hat hier die Apfelernte voll eingesetzt und Unmengen an Äpfel werden auf Lastwägen weggebracht.

Apfelernte in Anatolien – Sie werden mit Löffelbagger auf Lastwägen gebracht

Zwei Frauen schenken mir Äpfel und bei einer Rast auf einem Holzbankerl bringt mir ein älterer Mann auch noch Weintrauben.

Dieser liebenswerte Türke schenkte mir von seinem Garten Weintrauben – vielen Dank!

Auch die Zwetschgen sind jetzt reif und ich esse hier so gute und süße Zwetschgen wie selten zuvor in meinem Leben. Gegen Abend erreiche ich ca. 4 km vor der Ortschaft Bagkonjak eine Tankstelle wo ich nach einer Unterkunft frage. So lerne ich hier Süleiman kennen. Er hat in Stuttgart gearbeitet und leitet jetzt die Tankstelle hier. Er bietet mir an hier mein Zelt aufzubauen und lädt mich auf eine Käsepide ein. Die Nacht im Freien im Zelt schlafe ich gut, allerdings hat es hier auf einer Höhe von ca. 1.000 Metern schon Minusgrade in der Nacht.

Zeltplatz bei der Tankstelle vor Bagkonjak
Das Thermometer geht im Oktober in Anatolien schon unter 0 Grad – in dieser Nacht hatte es -3 Grad.

23.10. In der Früh kommt Süleiman mit 2 Simits und einer Teigtasche gefüllt mit Käse vorbei und meint, das sei mein Frühstück. Beim Tankstellenwart bekomme ich warmen Tee und kann mich von der Nacht aufwärmen. Gut gestärkt geht es dann weiter in die Ortschaft Bagkonjak und Kozlucay, wo ich in einer kleinen Teestube mit Einheimischen einen Tee trinke.

Ortschaft Kozlucay in Anatolien – von hier geht es auf einen Pass auf 1.700 Meter

Von hier führt die Straße auf einen Pass auf 1.700 Meter, da muss man sich schon vorher noch ein wenig stärken. Um die Mittagszeit erreiche ich dann den Pass und auch hier gibt es eine kleine Hütte wo Tee ausgeschenkt wird und ich meine Mittagspause verbringe.

Kurz vor dem Pass auf ca. 1700 Metern

Mit frischem Bergwasser, das hier entspringt, gehe ich dann hinunter nach Cankurtaran und weiter in die Ortschaft Engili. Da die Nächte im Zelt schon etwas kühl werden, befrage ich mich beim Pidebäcker nach einer Unterkunft.

Pidebäcker in Engili

Es ergibt sich nichts wirklich Brauchbares und so fülle ich meine Wasserflaschen. Ein wenig außerhalb des Dorfes finde ich in einem Obstgarten ein geeignetes Plätzchen und verbringe eine weitere Nacht in meinem Zelt hier in Anatolien.

24.10. Um ca. 2h morgens muss ein Hund mein Zelt entdeckt haben und er beginnt ordentlich zu bellen. Er beruhigt sich dann zwar wieder, aber ich finde nicht wirklich mehr zu meinem Schlaf. Ziemlich müde packe ich dann noch in der Finsternis meinen Rucksack und mein durch Kondensationswärme nasses Zelt zusammen und gehe ca. 1,5 Stunden in die nächste Ortschaft Ilicak.

Teestube in der Ortschaft Ilicak – der Ofen gibt gute Wärme

Nach einem Frühstück mit viel Tee und 3 Simits komme ich schön langsam wieder in die Gänge und erreiche gegen Mittag die Ortschaft Ilyaslar wo ich einen Toast esse und mein Zelt in der Sonne trocknen lasse.

Teepause am Weg nach Derbent

Gegen 17 komme ich dann in die Ortschaft Doganhisar und ich frage auf der Straße jemanden um eine Unterkunft. Dieser jemand ist Mustafa und ruft einen anderen Mustafa (Mustafa Doyduk) an, der mich in seiner Wohnung im Tugra Otel übernachten lässt. Das Vertrauen scheint hier beinahe grenzenlos zu sein.

25.10. Heute habe ich wieder einmal gut geschlafen und bei Morgengrauen esse ich in einem Lokal eine Mercimek Suppe mit Brot und trinke cay. Nach einer kurzen Pause in Basköy gehe ich bis ca. 1 Stunde vor der Ortschaft Cigil wo ich meine restlichen Simits und einen Apfel zumittag esse.

Mit Kindern in einer Ortschaft am Weg nach Derbent – Tourist, tourist, tourist hörte ich sie noch rufen als ich weiterging
Renault ist DIE Automarke in der Türkei – hier einer der neueren Sorte, ein R12
Am Weg nach Derbent
Abendstimmung in Anatolien – hier am Weg nach Derbent

Durch wunderschöne Landschaft auf einer Höhe von bis zu 1.500 Metern gelange ich nach mehr als 45 km im Bergdorf Derbent an. In einer Teestube lerne ich den einheimischen Imam kennen, der mir eine Unterkunft bei Üzür verschafft. Die Dorfjungen scharen sich um mich und beschießen mich mit Fragen. Schließlich bringen sie mich in die Teestube von Üzür und er zeigt mir mein Zimmer über der Teestube. Nach einer warmen Dusche stärke ich mich in der Lokantasi von Isa mit Linsen, Brot und einigen Fleischstückchen. Dann holt mich Üzür ab, wir trinken noch einen gemeinsamen cay und er ist einverstanden, dass ich eine zweite Nacht bei ihm verbringe. Ausserdem erreichen mich an diesem Abend keine so freudigen Nachrichten von zuhause.

26.10. Heute morgen merke ich, dass ich auch nicht mehr der Jüngste bin und 45 km nicht meine bevorzugte Tagesdistanz sind. Bei einer Mercimek Suppe verbringe ich den Morgen wieder bei Isa und lasse dann beim Schneider im Ort meine Hose richten.

Isa bereitet die Döner für das Mittagessen vor
Zum wiederholten Mal landet meine Hose beim Schneider – hier in Derbent. Er arbeitet ca. 30 Minuten an meiner Hose und verlangt dann 15 TL (weniger als 1 Euro)

Ich werde heute hier noch ein wenig rasten und mich von den letzten Tagen erholen bevor es morgen weiter Richtung Konya geht.

Nach einem guten Döner bei Isa durchstreife ich noch ein wenig das Dorf und gehe früh schlafen. Erholung war angesagt.

27.10. In einer Bäckerei bekomme ich direkt vom Holzofen zwei Brötchen, die ich mir in einer der vielen Teestuben schmecken lasse.

Bäckerei in Derbent

Dann verabschiede ich mich von Isa und diesem beschaulichen Bergdorf auf ca. 1.500 Metern. Danach geht es auf fast 2.000 Meter hinauf, wo ich mit einem Schafhirten ein paar Worte wechsle und die schöne Aussicht genieße.

Blick auf die Ortschaft Mülayim und dem zentralen Anatolien – auf ca. 1.950 Metern war das die bisher höchste Erhebung auf meiner Wanderung

In der Ortschaft Mülayim suche ich vergeblich nach einem Lebensmittelladen. Schließlich bekomme ich vom Dorflehrer Brot, Tomaten und Äpfel. Er ist aus Konya und pendelt jeden Tag hierher zur Arbeit. Dann gehe ich auf Feldwegen weiter in die Ortschaft Salahattin. Ich setze mich neben der Moschee auf ein Bankerl und esse die Reste vom Lehrer in Mülayim. Es gesellt sich dann ein 65-jährkiger Türke zu mir. Sein Haus befindet sich genau gegenüber der Moschee und seine Frau bereitet uns Tee zu. Seine Kinder seien alle in Konya und er betreibt hier mit seiner Frau eine kleine Landwirtschaft. Als ich ihm von meiner Pilgerwanderung erzähle, meint er schließlich, er würde auch gerne einmal nach Mekka gehen. Bei diesen Worten sah ich eine große Sehnsucht in seinen Augen. Schließlich gibt er mir auch noch einmal Brot, Tomaten und Äpfel mit auf den Weg und wünscht mir alles Gute. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich für Leute wie ihn die Pilgerreise mitgehe…

Teepause in Salahattin – ich spürte seinen Wunsch nach einer Hadsch (Pilgerreise) nach Mekka

Am Abend komme ich dann in Basarakavak an wo ich im Büro des örtlichen Muhtas (Bürgermeisters) übernachten kann. Und das obwohl er gerade nicht im Dorf ist und ich ihn nicht kenne. Ich frage mich welcher Bürgermeister bei uns zuhause das zulassen würde. Am Abend esse ich von meinem Proviant und betrachte wieder die regen Gespräche in einer der Teestuben.

28.10. In der gleichen Teestube wie gestern gleich gegenüber dem Büro des Muhtars esse ich gemeinsam mit einem Einheimischen Brot, Tomaten, Äpfel, etc… Dies waren in letzter Zeit meine Hauptmahlzeiten geworden 🙂 Am Weg nach Kücükmuhsine lerne ich einen Kuhhirten auf seinem Pferd kennen und zwei Hunde begleiten mich bis weit in den Tag hinein.

Kuhhirte – am Weg nach Sille

Auch im Bergdorf Kücükmuhsine gibt es kein Lebensmittelgeschäft, sodass ich froh bin noch etwas Proviant im Rucksack zu haben. In Sille angekommen gehe ich in das Konak Hotel, der einzigen Unterkunft im Dorf. Es sei leider alles ausgebucht, meint der Besitzer Mehmet nur. Als er mein langes Gesicht sieht meint er, er könne mir am Abend wenn alle Gäste weg sind eine Matratze am Boden richten. Bei den derzeitigen Temperaturen in der Nacht draußen willige ich natürlich gerne dazu ein. Am Abend erzählt er mir auch, dass bis zum Bevölkerungsaustausch mit Griechenland in den Jahren 1923 und 1924 hauptsächlich Griechen in diesem Dorf lebten. Als sie 1924 nach Griechenland gebracht wurden, wurden alle Häuser zerstört und neu aufgebaut. Nur sein Hotel, die Kirche und die Hammam haben diese Zerstörungsaktion überstanden. Ich verbringe einen ruhigen Abend in seinem Kaffee und gegen Mitternacht gehen die Lichter aus.

29.10. Mehmet lädt mich in der Früh auch noch zum Frühstück ein – absolut legendär und empfehlenswert! Nur erlesene Produkte kommen auf den Tisch wie der Honig aus der östlichen Türkei, die Honigmelone von Cumra und die Oliven aus Mut.

Mit Mehmet, dem Besitzer des Konak Hotels in Sille, beim Frühstück – vielen Dank!

Dann besuche ich noch die Aya Elena Kirche und das Time Museum bevor ich mich von Mehmet verabschiede und die restlichen 12 km nach Konya gehe.

Aya Eleni Kilisesi (Kirche der Heiligen Helena) in Sille

Bei einer Moschee ca. 5 km vor dem Zentrum esse ich die letzten Reste der Tomaten, etc und erreiche am frühen Nachmittag das Zentrum von Konya.

Nach mehr als 6 Monaten und 4.000 km erreiche ich nun also Konya – die Stadt der Sufis und Derwische

Das Usulan Hotel von Ali, das ich von früheren Besuchen bereits kenne, wird nach wie vor renoviert und so quartiere ich mich im Aziziye Hotel gleich neben der gleichnamigen Moschee in der Nähe des Basars ein. Pro Nacht inkl. Frühstück 200 TL und die Zimmer sind okay. Ich hole mir dann vom Araf Hotel meine neuen Schuhe, die ich ja von Istanbul hierher geschickt habe. Die Wanderung kann weitergehen.

Mit den neuen Schuhen im Araf Hotel in Konya

Im Anschluss daran besuche Shemsi Tabrizi in seiner letzten Ruhestätte in der gleichnamigen Moschee. Er war 1185 in Täbris im heutigen Iran geboren was ihm später auch den Namenszusatz gab. Er war einer der großen Sufi Mystiker und Derwische seiner Zeit. Seine Wanderschaft brachte ihn schließlich nach Konya wo er Mevlana (Rumi) traf, seinerseits wiederum der Gründer der Derwischbruderschaft Mevlana und einer der größten persischen Dichter. Er war auch Freund, Lehrer und Schüler von Rumi.

Grabmal von Shemsi Tabrizi in der gleichnamigen Moschee

In der Nähe des Grabmals von Shemsi esse ich in der Ali Baba Kebapci einen herrlichen Kebab mit Lammfleisch.

Weltbester Kebap mit Lammfleisch und selbstgemachtem Ayran

Das Essen ist wirklich fantastisch gut in der Türkei. Den Abend verbringe ich im Kulturzentrum bei einer Sema, einer ca. einstündigen Tanzvorführung der sich im Kreis drehenden Mevlana Derwische. Immer wieder schön so etwas zu erleben.

Besuch einer Sema im Kulturzentrum von Konya – Derwische der Mevlana Derwischbruderschaft drehen sich dabei im Kreis

Kurze Erklärung: Ein Derwisch ist ein Mitglied einer religiösen islamischen Ordensgemeinschaft, zu dessen Riten Musik und rhythmische Tänze gehören. Sie sind vor allem durch Bescheidenheit und Disziplin bekannt. Seit Jahrhunderten ist für die tanzenden Derwische das Drehen um die eigene Achse ein Mittel, um im Rahmen des Sufismus, der islamischen Mystik, zu mehr Erkenntnissen über sich selbst zu kommen und sich mit dem Göttlichen zu verbinden.

30.10. Ich komme gerade vom Frühstück zurück und habe soeben mit Muttern telefoniert. Ihr Rucksack wurde wieder gefunden und alles ist wieder gut, hallelujah! 😇

Gesamtkilometerca. 4.030

Fazit: Die Türkei ist für mich das Land des cays (Tees), der Simits (Sesamringe), der Gastfreundschaft, der vielen Moscheen und Schafherden und der bellenden Hunde. Das zentrale Hochland von Anatolien erscheint im Herbst in wunderschönen Farben und erzeugt in mir eine unglaublich schöne innerliche Ruhe. Möge sie sich auf das Umfeld übertragen. Nach mehr als 4.000 km und 6 Monaten habe ich nun auch zu Fuß Konya erreicht und die Wanderung geht bald wieder weiter Richtung Südost.

6 Kommentare

    Maria Hueber

    Oktober, 30. 18 Uhr (es ist schon finster ,erster Tag der Zeitumstellung)
    Hallo Georg,
    wieder haben wir mit großem Interesse deinen Bericht verfolgt. Es ist wirklich unglaublich wie nett die Menschen dort sind. Sepp beneidet dich furchtbar ,am liebsten wäre er auch dabei… Jetzt sind wir gespannt wie es bei dir weitergeht. Die Rucksackaffäre deiner Mutter hat sich gottseidank
    in Wohlgefallen aufgelöst…wir waren Gestern Frühstücken beim Fenzl…..
    Alles Gute weiterhin , Liebe Grüße, Maria und Josef

      Georg

      Hallo Maria,
      freut mich wenn dir und auch Sepp meine Berichte gefallen, es ist wirklich unglaublich schön hier!
      Und ja, Gott sei Dank ist die Geschichte mit dem Rucksack meiner Mutter gut ausgegangen, sie ist jetzt wieder sehr erleichtert 😉🤞👍
      Liebe Grüße, auch an Sepp, und alles Gute dir und euch weiter, Georg 🚶👌

    Christian Schneider

    Mein Lieber, grosser Jorgito Georg Georgewitsch, jetzt hast du den Großteil auch der Türkei durchquert mit beeindruckenden Bildern und beeindruckenden Begegnungen. Echt liebe und gastfreundliche Menschen die Türken. Durch deine so tollen Reiseberichte vermittelst Du uns das Gefühl mit dir zu wandern und so haben auch wir die Bilder deiner Pilgerfahrt beindruckend plastisch in unseren Köpfen. 1000 Dank und Alles Gute. GUT SCHUH UND LIEBEN GRUß Christian Arturowitsch samt Lili Stevanova. ☀️🥰❤️🥂👍🌈👍👍👍GRATULATION zu deinen so beachtlich geschafften Welt Wander Kilometern👋🌸🙏☀️❤️jetzt die 4000er Marke. Im August in Pecs und Backa Palanka, wo wir uns treffen konnten, war es die 1000er Marke. Alles alles Gute weiterhin🌴🌻👋

      Georg

      Lieber Christian Arturowitsch,
      ja, es war für mich auch wirklich ganz toll euch zuerst in Ungarn in Pecs und dann in Serbien in Backa Palanka zu treffen. Die Abende mit dir und Lili Stefanova waren wirklich eine große Bereicherung für mich und sind unvergessen!!!
      Freut mich wenn ich dich so auch ein wenig mit auf Wanderschaft nehmen kann und freu mich schon auf ein gutes Tröpferl in Bad Vöslau 👌😊
      Liebe Grüße, auch an Lili Stefanova, und alles Gute dir und euch beiden auch, Georg Georgewitsch 🚶👌

    Sven

    Hallo Schorschi,

    und wieder einmal ein schöner Wochenanfang mit Deinem Reisebericht. Unglaublich, all die Orte, von denen man bei uns noch nie gehört hat …
    … und wie schön es am Egirdir Gölü ist.

    Liebe Grüße uns alles Gute
    Sven

      Georg

      Hallo Sven,
      stimmt, auch ich habe von diesen Plätzen wie dem Egirdir See vorher noch nie gehört. War sehr schön dort und zu dieser Jahreszeit kein Tourismus…
      Freue mich jetzt schon auf Konya, das ich in ca. 3 Tagen erreichen sollte. Konya, die Stadt der Mevlana und Derwische.

      Liebe Grüße und alles Gute dir auch, Georg 😇🤞

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*
*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.